Persea americana Mill.

Brücher, Heinz, 1977, IV. Tropisches Obst und Gemüse, Tropische Nutzpflanzen: Ursprung, Evolution und Domestikation, Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag, pp. 258-420: 348-351

publication ID

http://doi.org/ 10.5281/zenodo.283229

persistent identifier

http://treatment.plazi.org/id/6577C252-FFC7-5A7A-16FF-FEA0C695E4F5

treatment provided by

Plazi

scientific name

Persea americana Mill.
status

 

Persea americana Mill. 

(2 n = 24)

Butterfrucht, avocado, poire d’avocat, palta, aguacate

Name und Herkunft

Zur Bezeichnung dieses einzigen Fruchtbaumes aus der botanischen Familie der Lauraceae  sollte man Namen wie „Avocado“, „Advokatenbime“ oder „Alligatorpear“ tunlichst vermeiden, weil dies mißverständliche Verstümmelungen des authentischen Aztekenwortes „ahuakatl“ sind. Dagegen ist die Benennung Palta vorzuziehen, denn dieses Kechuawort bezieht sich auf den Anbau der Frucht beim Indio- Stamm der Paltas im peruanisch-ecuadorischen Grenzraum.

Nach Bergh (1961) gibt es im Genus Persea  50 Spezies, die fast alle auf die Neotropik beschränkt sind. Für die züchterische Verbesserung (vor allem Resistenz gegen Krankheiten) haben diese Wildarten bisher aber keine praktische Anwendung gefunden.

Im Raum des alten Aztekenreiches, d. h. in Mexiko und Guatemala, begann die Domestikation dieses nahrungsreichen Baumes schon vor 8000 Jahren, wie man anhand von Gräberfunden in Tehuacan festgestellt hat.

Für die Inkulturnahme standen mehrere Wildrassen von Persea americana  zur Verfügung, deren Areal sich von den Gebirgen Mittelamerikas — mit einigen geographischen Unterbrechungen — bis nach Chile erstreckt. In Mexiko gibt es kleinfrüchtige, wilde Ökotypen mit starkem Anisgeruch, beträchtlicher Frostresistenz und hohem Ölgehalt im Fruchtfleisch. Einige Botaniker haben sie als P. drymifolia bezeichnet. Außerdem wurden noch die kulturfähigen Spezies P. leiocarpa  , P. ßoccosa  und P. schiedeana  beschrieben (Hodgson, 1950). Diese letztgenannte semikultivierte Art hat nur 10 cm große Früchte. Sie wächst in den Bergwäldern von Costa Rica bis Mexiko noch wild; größere Früchte davon werden von Indianern eingesammelt und als „Coyo“ auf den Märkten angeboten. Diese wilde Aguacate mag als Modellfall dafür dienen, wie sich früher die Domestikation der „Butterfrucht“ vollzogen haben kann. In der Regel haben alle wilden Persea- Bäume geringe Fruchtgröße; doch gelegentlich treten positive Mutanten mit größeren Früchten (und damit auch Samen) auf. Der Primitivmensch beobachtete dies und pflanzte offenbar in der Nähe seiner Behausung mit Vorliebe die großen Samenkeme, aus denen in der Regel dann auch Bäume mit großen Früchten hervorgingen. Mittels der 14C-Methode hat man das Alter der frühesten (und kleinsten) Persea- Samen auf 8000 - 7000 Jahre v. Zt. bestimmt. Ihre Länge: Weite-Parameter steht in ungefährer Beziehung zum umgebenden Fruchtfleisch. Die Samen der untersten Grabungsschichten aus Coxatlan hatten ein Volumen von 3,4 cm3. Je jünger die Schichten sind, um so größer werden die Samen, bis sie schließlich im „Palo-Blanco“-Horizont 10,5 cm3 erreichen. Daraus hat man mit Recht geschlossen, daß das Volk von Tehuacan seine Palta-Früchte progressiv zu selektieren verstand.

Wenn man auch angesichts eines sich über 1000 Kilometer erstreckenden Wildareals entlang der amerikanischen Kordillere keinesfalls von einem begrenzten „mexikanischen Gen-Zentrum“ für Persea americana  sprechen kann, so ist doch am mittelamerikanischen Ursprung zahlreicher Kultivare nicht zu zweifeln. Es ist aber nicht auszuschließen, daß unabhängig davon sich der Schritt von der Wildpflanze zur Kultur- Palta auch südlich des Äquators ereignete. Infolge der starken Kreuzbefruchtung, die zwischen wildwachsenden und kultivierten P. americana -Populationen  herrscht, empfiehlt es sich nicht, getrennte Spezies aufzustellen. Man teilt viel besser in die folgenden Rassenkreise ein:

Mexikanische Rasse: Blätter mit Anisgeruch. Blüten behaart. Früchte klein mit dünner Schale und starkem Aroma  , oft nach Anis schmeckend. Relativ kälteresistente Bäume.

Guatemala-Rasse: Blätter ohne Anisgeruch. Früchte mittelgroß bis groß, mit dikker oft lederiger Schale (5 mm dick). Samen kleiner als bei anderen Rassen und festsitzend. Langsame Fruchtreife (12 bis 16 Monate).

Antillen-Rasse: Blätter ohne Anisgeruch. Vor allem auf den Westindischen Inseln verbreitet, mit ziemlicher Resistenz gegen sahne Böden. Früchte groß mit lederiger, ziemlich dünner Schale und großem Samenkem. Fruchtreife in 6 Monaten.

Die Butterfrucht wird bereits 1519 von Martin F. de Enciso in Suma de Geograßa (Sevilla, 1519) als Frucht des neuentdeckten Amerikas und als eine alte Indianerkultur der columbianischen Küste bezeichnet. Trotz aller Wertschätzung scheinen viele Versuche der Spanier, sie im Süden der Iberischen Halbinsel einheimisch zu machen, bis zum 17. Jahrhundert mißlungen zu sein. Auch nach Afrika kam sie recht spät. Aus Mauritius gibt es Angaben über Persea  vom Jahre 1780; von Sansibar wird sie erst 100 Jahren später berichtet, und im tropischen Asien konnte sie sich erst nach der Mitte des vergangenen Jahrhunderts durchsetzen. In USA wurde der Grundstock zu heute so eindrucksvollen „Avocado-Tree“-Hainen in Florida und Kalifornien vor knapp 100 Jahren gelegt; inzwischen sollen sie schon 20 0 0 0 ha überschritten haben.

Wirtschaftliche Bedeutung

Von einem „Weltmarkt“ läßt sich bei dieser interessanten subtropischen Frucht noch nicht sprechen, wenn sich auch ihr Verbrauch und Handel fortgesetzt ausdehnt, nachdem man vor allem in Nordamerika immer mehr Geschmack daran findet. Einige Leute behaupten allerdings, „ Avocado“ sei eine Modefrucht mit einem „acquired taste“. Im Gegensatz dazu könnte man sie als eine der nahrhaftesten exotischen Introduktionen bezeichnen, die vor allem roh eine vorzügliche Diätfrucht bildet, weil ihr Mesokarp eine eigenartig wohlschmeckende Mischung aus Stärke, Eiweiß, Fett und aromatischen Ölen darstellt. Der Ölgehalt variiert je nach Sorte zwischen 3-25% und besteht vorwiegend aus ungesättigten Fettsäuren. Die Frucht enthält ferner bis zu 2% Proteine, sowie Minerale, Vitamin A, B, E und C.

Ihre medizinischen Eigenschaften werden vor allem in Ostasien geschätzt, wo man Avocado gegen Ulcus und Kolik verordnet. Bei der gegenwärtigen Angst vor Pestiziden kann der Genuß von Paltas deswegen besonders empfohlen werden, weil diese tropischen Früchte so resistent gegenüber Krankheiten und Insekten sind, daß ihre Kulturen kaum chemische Behandlungen benötigen. Außerdem hat man in den Früchten zusätzliche antimikrobielle Wirkungen entdeckt.

Es sprechen also viele Gründe dafür, dieser bisher auf dem Weltmarkt ziemlich vernachlässigten tropischen Frucht weitere Verbreitung zu wünschen. Ihr Konsum hat sich in den USA, wo man 1923 nur etwa 100 t umsetzte, innerhalb von 50 Jahren auf 80 0 0 0 t erweitert. Auch die Europäer gewinnen immer mehr Geschmack an dieser vitaminreichen Diätfrucht, was sich in den rasch ansteigenden Lieferungen aus dem Vorderen Orient, Südafrika und den Karibischen Inseln ausdrückt.

Botanische Beschreibung

Wilde Persea -Bäume  können bis 20 m hoch werden und fallen durch ihre blaugrünen Blätter in den Bergwäldem der Kordillere auf. In frostgefährdeten Gebieten werfen sie einen Teil ihrer ovalelliptischen Blätter ab; diese sind 20 x 10 cm groß und besitzen eine stark entwickelte Nervatur.

Eine botanische Merkwürdigkeit ist die außerordentliche Anzahl von Blüten, die nur im Verhältnis 1: 5000 Früchte bringen. Die Blüten selbst stehen in dichten Infloreszenzen, haben keine Petalen, sind gelbgrün und nur wenige Millimeter groß. Scheinbar sind sie zwittrig, doch in ihrer Funktion sind sie eingeschlechtlich. Denn nachdem sie sich frühmorgens zum erstenmal geöffnet haben, um den Pollen zu entlassen, schließen sie sich wieder, um sich erst am Nachmittag des nächsten Tages zur Bestäubung des Fruchtknotens erneut zu öffnen. Andere Biotypen machen es umgekehrt. Auf diese Weise wird Fremdbefruchtung erzwungen. Bei den einfachen Landleuten entstand dadurch der Eindruck, daß bestimmte Sorten morgens männlich und nachmittags weiblich seien. Wissenschaftlich hat man dies als „protogynous diurnally synchronous dichogamy“ bezeichnet. Diese blütenbiologische Besonderheit, die den Eingeborenen tropischer Zonen in der Regel unverständlich bleibt, ist die häufige Ursache für Ernteverluste. Wenn man jedoch auf eine Synchronisierung der Pollen- Bestäubung achten würde, ließen sich Verluste vermeiden. Allerdings wird dieser Blühdimorphismus in gewissem Grade auch vom Klima bestimmt. Im kühleren Klima verschiebt sich der Zyklus so weit, daß alle Blüten längere Zeit offen bleiben und deswegen eine gewisse spontane Selbstbefruchtung möglich ist. Die Sorte „Fuerte“ gilt z. B. als in hohem Grade selbstfertil.

Züchtung und künftige Domestikation

Von einer planmäßigen Züchtung ist man bei Persea americana  noch weit entfernt. Einige der zur Zeit in der Subtropik verbreiteten Sorten, wie „Fuerte“, stammen als Naturselektionen aus den Bergen von Mexiko und Guatemala. Sie haben sich in Kalifornien so gut bewährt, daß dort über 70% mit diesem Klon angepflanzt wurden. Die Sorte eignet sich aber weniger für die tropischen Gebiete. Als besonders erfolgversprechend für die Tropik gilt die Sorte „Hass“, die sehr dunkle Fruchtschalen hat. In Trinidad und anderen karibischen Inseln pflanzt man vorwiegend die Sorte „Pollock“ an, die auch im Klima Floridas gute Resultate erbrachte. Es mag als Vorteil angesehen werden, daß ihr Fettgehalt mit 5% ausgesprochen niedrig ist. Hinsichtlich der Verbesserung der Fruchtform wurden in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte erzielt. Gegenüber den primitiven Indio-Sorten mit zu großem Anteil an wertlosen Kernen und schlecht geformten Früchten mit wenig Pulpe hat sich schon eine beachtliche Typisierung der Handelssorten vollzogen ( Ruehle, 1963).

Es wird sogar aus Südamerika über Palta- Sorten mit parthenokarper Fruchtbildung berichtet, die frei von Kernen sind (vgl. Abb. IV. 49View Abb. IV). Da Palta sich vegetativ fortpflanzen läßt, sollte man dem spontanen Auftreten solcher parthenokarper Linien eine erhöhte Aufmerksamkeit widmen. Es wäre denkbar, daß sich die Palta-Frucht dank solcher kernlosen Sorten und Selektionen leichter die europäischen Märkte erobern wird. Denn es wird mit Recht als großer Nachteil der „Butterfrucht“ empfunden, daß ihr Gewicht zu einem viel zu hohen Anteil durch den ungenießbaren Kern bestimmt wird.

Die künftige Resistenzzüchtung sieht sich vor folgende Aufgaben gestellt: Widerstandsfähigkeit gegen Phytophthora cinnamoni  , eine Wurzelkrankheit, die vor allem bei stauender Nässe im tropischen Boden auftritt und erwachsene Bäume zum Absterben bringt. Da die Zoosporen durch Bewässerung übertragen werden, hat sich diese vernichtende Krankheit besonders in Irrigationszonen ausgebreitet. Genetische Resistenz ist bisher nicht bekannt geworden, auch wenn der var. „La Duke“ eine gewisse Widerstandsfähigkeit nachgesagt wird. Eine Antrachnose wird durch den Pilz Physalospora persea  verursacht. Ihre Symptome bestehen in braunen Flecken auf Blättern und Früchten.

Starke Verluste werden durch einen nur 3 cm großen Koleopteren, den Sägekäfer Oncideres poecila  , in tropischen Waldgebieten verursacht. Er schneidet bis 8 cm dicke Äste mit seinen kräftigen Mandibeln durch, um die Eier in die absterbenden Äste zu legen.